Snowpiercer: überraschend tiefsinniger Klassenkampf


Es ist wirklich eine Schande, dass einige Filme nicht die Aufmerksam bekommen, die sie verdienen. So ergeht auch Snowpiercer. Die Comicverfilmung von Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon-Ho landete hierzulande sogar nur in einigen wenigen Kinos. Nachdem ich den ersten Trailer gesehen hatte, wollte ich ihn mir sofort ansehen, ging aber nicht, weil nicht ein Kino in der näheren Umgebung den Film im Programm hatte. So musste ich dann doch wohl oder auf die BluRay warten. Hat sich das Warten gelohnt? Lest weiter!

Die globale Erderwärmung ist zu einen riesen Problem geworden. Um die Temperatur auf ein erträgliches Niveau abzusenken, entscheidet sich die Menschheit zu einem drastischen Schritt. Sie blasen ein unerprobtes Mittel in die oberen Schichten der Atmosphäre. Nur funktioniert dieses Gemisch besser als erwartet und die Erde erstarrt in einer neuen Eiszeit. Alle Menschen erfrieren. Alle, bis die wenigen, dich sich noch auf den Snowpiercer retten konnten. Das ist ein riesiger Zug der sich auf einem weltumfassenden Schienennetz durch die vereiste Welt kämpft und die Menschen autark mit allen lebensnotwendigen versorgen kann. Sozusagen ist er eine Art moderne Arche.

Seit mehr als 17 Jahren lebt der Rest der Menschheit nun eingepfercht in diesen metallischen Koloss. Mit der Zeit hat sich ein Zweiklassensystem gebildet. So fristet die Mehrheit der Passagiere ein tristes Dasein am Ende des Zuges. Ohne Tageslicht, Platz oder etwas anständigem zu Essen müssen sie sich zudem der Willkür der privilegierteren Passagiere fügen. Kein Wunder also, dass den Unterdrückten eines Tages der Kragen platzt. Unter der widerwilligen Führung von Curtis beginnt eine Revolution, die nur ein Ziel kennt, die Spitze des Zuges. Denn dort befindet sich die Maschine und wer die Maschine kontrolliert, kontrolliert den Zug.

Bevor ich allerdings noch weiter ins Detail gehe, könnt ihr euch hier einen Trailer anschauen.



Oberflächlich betrachtet könnte man Snowpiercer an dieser Stelle als actiongeladener SciFi Klassenkampf bewerten. Das würde dem Film aber in keinster Weise gerecht werden. Ja, es wird gekämpft. Und ja, die Revolution spielt eine ausschlaggebende Rolle. Was den Film aber besonders macht ist die unerwartete philosophische Tiefe, die er bei aller Einfachheit des Grundkonzepts darbietet. Gewissermaßen geht es im Film immer vorwärts Wie sollte es in einem riesigen Zug auch anders möglich sein? Aber mit jedem gewonnen Wagon weitet sich nicht nur die offensichtliche Kluft zwischen Arm und Reich, vorne und hinten im Zug, sondern eines wird immer deutlicher. Keiner ist das was zu er zu Beginn des Films zu sein scheint. Curtis wird als starker Held, der er gar nicht sein möchte, eingeführt. Mit der Zeit wird im Film deutlich gezeigt, dass er das nicht ist und ohne zu viel verrate zu wollen, das Ende hat mich ein wenig geschockt. Der Film zeigt den ganz typischen Wahnsinn der Menschheit. Stecke einige Menschen auf engsten Raum und es wird nicht lange dauern bis sie sich gegenseitig verraten, abstechen oder schlimmeres, nur um das eigene Überleben zu sichern. Snowpiercer schafft es diese Thematik großartig darzustellen und in den grandiosen letzten 10 bis 15 Minuten erreicht der Film sogar eine philosophische Tiefe, die ich ihm bis dahin gar nicht zugetraut hätte. Das Ende gehört zu besten Filmenden, die ich bis jetzt gesehen habe.

Aber kann Snowpiercer auch filmisch überzeugen? Auf jeden Fall! Ist er perfekt? Nein! So hat der Film zwischendrin einige Längen. Ich verstehe, dass Bong Joon-Ho an diesen Stellen eine gewisse Absurdität darstellen wollte, auf die gesamte Spielzeit von über 120 Minuten gesehen, hätten es aber gut 10 bis 15 Minuten weniger sein können. Das und die teilweise schwache deutsche Synchronisation sind alles was ich zu bemängeln habe. Alleine die Optik ist Grund genug sich dieses Machwerk einmal anzusehen. Joon-Ho kreiert einen ganz eigenen, sofort wiedererkennbaren Stil. Ich brauch nur eine kurze Szene zu sehen und weiß sofort, dass es sich um Snowpiercer handelt. Vor allem das heruntergekommene Zugende zu Beginn des Films ist fantastisch. Sollte es je eine Verfilmung der Metro-Bücher geben, so sollten die Filme aussehen! Die Actionsequenzen, die gar nicht so vermehrt auftreten wie vorerst erwartet, sind wunderbar choreografiert und in Szene gesetzt. Auch der Soundtrack weiß zu überzeugen. Nur an den CGI-Effekten merkt man dem Film das verhältnismäßig knappe Budget ein wenig an.

Was aber auf jeden Fall auch noch lobend erwähnt werden muss, sind die schauspielerischen Leistungen. Chris Evans schafft es den Held wider Willen glaubhaft und authentisch darzustellen. Der Moment an dem er sich offenbart ist für mein eine schauspielerische Meisterleistung. Auch eine angenehm schrullige Tilda Swinton in der Rolle von Minister Mason hat mir sehr gut gefallen. Einzig Jamie Bell als junger Hitzkopf bleibt im direkten Vergleich etwas blass, was aber eher an seiner Rolle liegt. Insgesamt gesehen, macht das gesamte Cast eine wirklich gute Arbeit.

Womit wir schon wieder beim Fazit wären. Um den Bogen zu schließen, ich kann es mir wirklich nicht erklären, warum dieser Film nicht präsenter war. Er bietet genug Action und hat die Optik um einwandfrei zu unterhalten. Zudem weist er eine überraschende Tiefe auf, die das Gesamtpaket mehr als nur bereichert, sondern für mich eigentlichen den Film erst auszeichnet. Zwar hätte hier und da ein wenig gekürzt werden können, aber für Freunde anspruchsvollerer Unterhaltung im SciFi-Setting kann ich den Film nur weiterempfehlen.

Pro:
- überraschend tiefsinnige, fast schon philosophische Story
- Charaktere sind nicht das was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen
- fantastisches Ende
- hervorragende Optik
- sehr gute schauspielerische Leistungen
- guter Soundtrack

Kontra:
- ein wenig zu lang
- nicht die besten CGI-Effekte
- durchwachsene deutsche Synchronisation

Wertung: 9/10

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