Until Dawn: das unterhaltsame Klischee


Immer wieder versuchen Spieleentwickler zwei Genres miteinander zu verbinden, Film und Spiel. Das hat bei Heavy Rain und Beyond Two Souls in meinen Augen auch super funktioniert. Klar, diese Spiele spalten oft die Community und man muss ein Faible dafür haben, dass der Fokus auf Kosten des Gameplay voll auf die Erzählung gelegt wird. Nun kommt mit Supermassive Games ein weiterer Entwickler daher, der euch mit seinem Horror-Adventure Until Dawn das Fürchten lehren will. Acht Teenager in einer verlassen Hütte, nachts und dann treibt sich da auch noch ein Killer rum? Klingt klischeehaft. Ist es auch. Weis Until Dawn, aber dennoch zu unterhalten und wie viel Spiel steckt da eigentlich noch drin? Lest weiter!

Until Dawn erzählt also die Geschichte von acht Jugendlichen, die jedes Jahr auf eine verlassene Hütte irgendwo in den verschneiten Bergen fahren, um dort so richtig zu feiern. Allerdings treiben sie es mit einem ihrer Späße zu weit, woraufhin ein Unglück geschieht. Genau ein Jahr später kehren die Freunde auf Wunsch von Josh, dessen Schwestern vor einem Jahr scheinbar spurlos verschwunden sind, zu der einsamen Hütte zurück. Doch irgendetwas stimmt hier nicht. Es kommt verhäuft zu seltsamen Geschehnissen. Die Gruppe wird (natürlich) getrennt und es zeigt sich, dass ein maskierter Killer Jagd auf die junge Gruppe macht. Oder verbergen diese Hütte und der dichte Wald noch ein größeres, dunkleres Geheimnis?

Sagen wir es gleich, wie es ist. Die Story scheint geradewegs aus einen der vielen Teenie-Slasher Filme zu entspringen und bedient sich tatsächlich reichlich an den vielzähligen Vorlagen. So gibt es allerhand Anleihen von Filmen wie Scream, Cabin in The Woods, Cabin Fever, Saw und wie sie nicht alle heißen. Am besten haben mir aber die Parallelen zum Horror-Meisterwerk The Descent gefallen, aber ich möchte hier nicht zu viel verraten. So viel sei aber gesagt, die Geschichte von Until Dawn weis trotz der vielen Klischees (oder gerade deswegen) auf jeden Fall zu unterhalten. Auch wenn die Wendung im letzten Drittel des Spiels für mich etwas vorhersehbar und ziemlich abrupt daherkam, muss ich sagen, die Story erfüllt ihren Zweckt! Einzig die zweite Erzähl-Ebene beim Psychologen fand ich etwas aufgesetzt. Das Konzept ist wirklich interessant, wirkt aber noch unausgereift. Da wäre sicher noch mehr drin gewesen.

Dass die Erzählung so gut funktioniert, liegt vor allem auch an den Charakteren. Ja, auch hier werden reichlich Klischees bedient. Die Oberzicke, die Abschlussball-Königin, der Nerd und der Sportler sind alle vertreten. Klingt nicht sonderlich spannend? Als Spieler baut man aber sofort Sympathien und Abneigungen auf. Die Spielfiguren wachsen einem ans Herz und ich jedenfalls wollte wirklich alle heil durch die Nacht bringen. Selbst wenn man Figuren nicht mag, bleibt immer noch die Option, sie einen der vielen möglichen Tode sterben zu lassen. Dass die Figuren so glaubhaft daherkommen, hat das Spiel den wirklich guten, teilweise hochkarätigen Darstellern zu verdanken. So verkörpern hier unter anderem Hayden Panettiere, Rami Malek oder der aus der Serie Prison Break bekannte Peter Stormare die Spielcharaktere. Hier fällt auf jeden Fall auf, dass professionelle Schauspieler am Werk waren, wodurch die Charaktere noch greifbarer werden.

Aber wie viel Spiel steckt denn nun eigentlich in Until Dawn? Nicht sehr viel, aber es reicht. Until Dawn ist mehr interaktiver Film als Spiel. So dürft an Schlüsselmomenten immer wieder Entscheidungen treffen, die den Verlauf der Nacht verändern. Außerdem wird eure Reaktion in Quick-Time Events auf die Probe gestellt. Zwischendurch dürft ihr mit eurer Spielfigur durch die meist klaustrophobischen Umgebungen streifen und mit einigen wenigen Punkten interagieren. Diese Hotspots sind unter anderem Sammelgegenstände, die euch die Hintergrundgeschichte des Waldes näherbringen oder Totems, die euch einen kleinen Blick in die mögliche Zukunft gewähren. Trotzdem lohnt es sich die Umgebungen genau zu untersuchen, da ihr so auf Gegenstände stoßen könnt, die euch später noch das Leben retten. Für viele mag das in einem Spiel zu wenig Interaktion sein. Mir haben die gegebenen Mittel gereicht. Vor allem wenn sich eure Spielfigur versteckt und ihr den Controller nicht einen Millimeter bewegen dürft, sorgt das schon für Spannung. Vor allem weil die Bewegungserkennung unglaublich empfindlich ist und bei mir in den letzten Minuten des Spiels dann doch noch einer der Jugendlichen in Gras beißen musste. Blöd!

Was das Spiel aber tatsächlich auszeichnet, sind diese Entscheidungen und der damit verbundene Schmetterlingseffekt. Immer wieder müsst (teilweise unter Zeitdruck) Entscheidungen treffen, die den späteren Spielverlauf beeinflussen. Supermassive Games bezeichnet das als Schmetterlingseffekt. Selbst kleinste Entscheidungen können später über Leben und Tod entscheiden. Erzählt ihr den anderen von dem grusligen Brief, den ihr gefunden habt? Mault ihr eure Freundin an, weil sie mit ihren Ex flirtet? Alles wirkt sich auf die Erzählung aus. Auch wenn es in den meisten Fällen nur Nuancen sind, erhöht das den Wiederspielwert ungemein. Ich wollte gleich nochmal beginnen, um weitere mögliche Pfade einschlagen zu können. Ihr wollt nicht alles nochmal spielen? Dann könnt ihr nach dem ersten Spieldurchlauf direkt in die entsprechende Szene springen und dort andere Entscheidungen treffen.

Ich hatte ja schon erwähnt, dass echte Schauspieler die Charaktere verkörpern. Dabei muss natürlich die Technik passen. Das Motion Capture ist wirklich gelungen. Emotionen und Bewegungen werden sehr glaubhaft dargestellt. Nur bei der Darstellung der Zähne hat man es etwas übertrieben. Zudem sehen die Umgebungen wirklich gut aus. Auch wenn die Abwechslung aufgrund des Settings etwas mau ausfällt. Trotzdem wirken die Kulissen glaubhaft, oft klaustrophobisch und beängstigend. Egal ob dunkler Wald, alte Mine oder verlassen Irrenanstalt (ja die gibt es hier auch), die Atmosphäre passt. Zudem ist der Sound in einem Horrorspiel ungemein wichtig. Das Sounddesign überzeugt mit guten Umgebungsgeräuschen, lässt aber noch Raum für Verbesserung bei der deutschen Sprachausgabe. Spielt wenn möglich lieber auf Englisch, da kommt die Stimmung noch besser rüber.

Vor dem Fazit bleibt natürlich noch eine wesentliche Frage zu beantworten. Ist Until Dawn überhaupt gruslig? Until Dawn ist jederzeit spannend, aber nur selten wirklich gruslig. Zu sehr wird sich auf Jump Scares verlassen. Ich bin zwar das ein oder andere Mal wirklich zusammengezuckt, aber Grusel ist dann doch etwas anderes. Auch hier bedient Until Dawn voll das Teenie-Slasher Klischee. Das ist in meinen Augen aber kein großer Minuspunkt. Die Atmosphäre passt, die Geschichte ist spannend erzählt und es gibt einige gut platzierte Schock-Momente. Nur nervenzermürbenden Grusel sollte hier keiner erwarten.

Wie immer an dieser Stelle der Test als Video. Viel Spaß!


Until Dawn ist genau das was es zu sein scheint. Ein interaktiver Teenie-Slasher mit einer spannend erzählten Geschichte und wunderbar verkörperten und dargestellten Charakteren. Diese Charaktere lassen einen über erzählerische und spielerische Lücken hinwegsehen und machen Until Dawn zu einem wirklich spannenden und fesselnden Erlebnis, dessen Wiederspielwert durch die vielen großen und kleinen Entscheidungen enorm ist. Man muss diese Art Spiel mögen, aber wenn ihr euch darauf einlasst, erwartet euch ein Spiel, dass euch wunderbar unterhalten wird. Ich kann Until Dawn wirklich nur weiterempfehlen!

Pro:
+Story bedient sich vieler Klischees, setzt sie aber unterhaltsam um
+ hochkarätige Besetzung sorgt für glaubhafte Charakteren
+ viele große und kleine Entscheidungen mit Auswirkungen auf die Geschichte
+ sehr hoher Wiederspielwert
+ einige wirklich gut platzierte Schock-Momente
+ Teenie-Slasher Fans kommen voll auf ihre Kosten
+ schöne und atmosphärische Kulisse
+ gute Soundeffekte

Kontra:
- Wendung im letzten Drittel vorhersehbar
- zweite Erzähl-Ebene wirkt etwas deplatziert
- Zähne etwas merkwürdig modelliert
- wenige spielerische Freiheiten
- kein wirklicher Grusel
- deutsche Sprachausgabe mit Schwächen


Wertung: 8/10

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