Outlast 2: Der wahre Horror liegt woanders…


Wie habe ich mich doch auf dieses Spiel gefreut! Das erste Outlast kam unerwartet, brachte frischen Wind in das angestaubte Horror-Genre und eroberte damit nicht nur mein Gamer-Herz. Vor allem das isolierte Setting, die völlige Hilflosigkeit und die großartige Nachtsicht haben das Spiel aufgewertet. Seit dem ersten Teil sind nun über drei Jahre vergangen und was damals funktionierte, muss heute nicht mehr ausreichen. Kann Outlast 2 also wie der erste Teil überzeugen oder scheitern Red Barrel an der eigenen Spielidee? Finden wir es heraus!

An dieser Stelle ein kleiner Hinweis. Für eine bessere Argumentation muss ich in diesem Test mehr verraten als sonst. Sollten ihr also auf Spoiler verzichten wollen, dann überspringt die markierten Bereiche!

Religiöse Spinner und Höhlenmenschen

Wie im ersten Teil schlüpft ihr in die Haut eines Journalisten. Nur mit einer Kamera bewaffnet begeben sich Protagonist Blake und seine Frau Lynn in ein abgelegenes Waldgebiet in Arizona. Dort wurde vor kurzem eine ermordete, junge und schwangere Frau gefunden. Dem wollen Sie auf dem Grund gehen. Doch bereits beim Anflug im Helikopter geht alles schief. Ein seltsamer Lichtblitz legt alle Systeme des Helis lahm und das junge Ehepaar stürzt ab. Während Blake halbwegs unbeschadet aus dem Trümmern erwacht, fehlt von seiner Frau jede Spur. Kurze Zeit später findet er die übel zugerichtete Leiche des Piloten und muss bald feststellen, dass seine Frau Lynn in die Fänge religiöser Fanatiker geraten ist. Als greift Blake zur Kamera und versucht alles um seine Frau retten!

Und hier kommen wir zum ersten großen Kritikpunkt. Die Story, so interessant die grundlegende Idee vielleicht sein mag, wird unterirdisch erzählt. Ich gebe hier offen zu, dass ich ein Kernelement der Erzählung erst mitbekommen habe, weil ich zufällig auf Reddit einen Beitrag darüber gelesen habe. Warum ich das verpasst habe? Weil es als Randnotiz in einem der vielen sammelbaren Dokumente verewigt wurde.

ACHTUNG SPOILER!

Die seltsamen Lichtblitze und das gestörte Verhalten der Anwohner ist wieder einmal auf Experimente zurückzuführen. Über starke Funksignale versuchen ehemalige Mitarbeiter der Murkoff Corperation die niederen Instinkte und Ängste der Menschen hervorzulocken. Das ist eine durchaus interessante Idee, nur sieht und hört man im Spiel davon nichts, es sei denn man findet zufällig DIESEN EINEN Zettel, der in wenigen Sätzen alles aufklärt. Was soll das? Warum wird ein solch elementarer Part der Erzählung so dürftig versteckt? Im ersten Teil kommen wir am Ende in die Labore von Murkoff und decken auf, warum alle durchgedreht sind. Warum passiert das nicht im zweiten Teil? Wird hier schon auf einem DLC spekuliert?

SPOILER ENDE!

Ohne diese Information ist die Story einfach wirr, belanglos und  einfach uninteressant. Man rennt eben erst vor den einen und dann vor den anderen Spinnern davon. Und irgendwann ist es einfach vorbei. Denn als Ende kann man den Abschluss von Outlast 2 auch nicht wirklich bezeichnen.

Lieber in die Schule gehen?

Die Information um die seltsamen Erscheinungen, erklärt zudem die zahlreichen Flashbacks, die Blake erlebt. So wird er immer wieder in seine Schule zurückgeworfen und mit verstörenden Bildern konfrontiert. Da sorgt für einige, wirklich schön eingebundene Szenenwechsel. Insgesamt sind die Flashbacks in puncto Erzählung, Inszenierung und auch Grusel so viel besser als das eigentliche Hauptsetting, dass ich mir immer wieder gewünscht habe, dass sie das gesamt Spiel in die Schule verschoben hätten!

Denn das neue, größere, offenere Setting des verlassen Tals in Arizona schafft es einfach nicht, die erdrückende Stimmung des ersten Teils aufzubauen. Ja, es ist alles voller Blut, Gedärm und Leichen. Ja, es ist dunkel, verdammt dunkel sogar (aber dazu später mehr). Nur gruslig ist es nicht! Zudem stellt sich keine Verbindung zur Spielwelt ein, da ihr viel zu geradlinig durch die Level geschleust werdet. Während die Nervenklinik in Teil 1 durch die engen Gänge, die man nach und nach erkunden kann und teilweise in schauriger Vorfreude immer wieder besucht, ganz stark zum Horror beigetragen hat, ist der Wald in Outlast 2 einfach nur ein ziemlich dunkler Schlauch ohne Wiedererkennungswert.

Dieser Effekt: „Oh hier war ich schon mal und das letzte Mal hat es mir hier ganz und gar nicht gefallen! Warum muss ich hier schon wieder durch?“ – stellt sich nur in den Flashback-Sequenzen in der Schule ein! Das wäre das richtige Setting gewesen!

Alle Ängste ohne Furcht bedient

Und nun zum wohl größten Kritikpunkt zu Outlast 2. Das Spiel ist einfach kein gutes Horror-Spiel. Ja ich hatte kurzzeitig Angst. Aber die Angst ist nach der ersten Spielstunde verflogen. Zwar haben mich später ein oder zwei gut platzierte Jump Scares überrascht, aber das zähle ich nicht mit zum Horror. Der Überfluss an Körperflüssigkeiten und Leichen stumpft irgendwann ab. Die vielen Fluchtsequenzen verlieren an Spannung sobald man versteht, wie dämlich die KI funktioniert und das Spiel mit der Dunkelheit macht keinen Sinn, wenn es einfach IMMER dunkel ist.

Zudem weiß das Spiel einfach nicht, welche Ängste bedient werden sollen und nimmt einfach alles, was den Entwicklern eingefallen ist. Verstümmelung und Folter? Check! Klaustrophobie? Check! Dunkelheit? Doppel-Check! Es wird versucht mit allen Mitteln zu schocken und dem Spieler Angst einzujagen. Das klappt leider nur sehr selten!

Auch die großen, gefährlichen Hauptgegner werden auf Dauer nur noch nervig. Oftmals bestehen diese Konfrontationen aus reinen Trial and Error-Passagen. Biegt man falsch ab, tot. Läuft man eine Sekunde zu spät los, tot. Bleibt man irgendwo hängen, ich denke ihr erkennt das Muster. Das frustet auf Dauer nur, da oftmals optische Hinweise zum richtigen einfach fehlen. „Ach da ganz unten, diese kleine Loch… Da sollte ich also durch! Das sieht man in völliger Schwärze auch richtig gut…“

Von der tollen Grafik sieht man nichts!

Und wo wir schon von völliger Schwärze reden, das Spiel ist dunkel, verdammt dunkel sogar. Der erste Teil war stellenweise schon verdammt dunkel. Dafür hatte man die tolle Nachsicht eingeführt. Da die so gut ankam, dachte man sich wohl: „Hey strecken wir doch einfach diese Passagen!“. Nur doof, dass nicht nur dieses Alleinstellungsmerkmal dadurch zu schnell seinen Reiz verliert, sondern sieht man dank der überstrapazierten Dunkelheit nichts von der an sich tollen Technik!

Outlast 2 sieht großartig aus. Die Spielwelt strotzt nur so von Details und wenn Licht da ist, dann sieht das großartig aus! Charaktermodelle sind zwar nicht die besten, die ich in Spielen bisher gesehen habe, aber Animationen und Gesichter sehen glaubwürdig aus. An sich gibt es hier nichts auszusetzen. Nur sieht man von der tollen Technik leider nicht sehr viel.

Gar nichts auszusetzen habe ich dagegen beim Sound. Der Soundtrack hebt die Stimmung deutlich an und auch die Klangkulisse, sei es ein leises Rascheln in den Büschen oder ein Schnauben in dunklen Gängen. Klanglich ist Outlast 2 großartig. Auch die englische Sprachausgabe hat mir richtig gut gefallen!

An dieser Stelle könnt ihr euch wie immer das Video ansehen:


Fazit

Auch wenn es schwerfällt, Outlast 2 ist die erste große Enttäuschung im Gaming Jahr 2017. Red Barrel versucht das etablierte Spielprinzip größer, dunkler und umfangreicher aufzuziehen, scheitert dabei aber an der eigenen Idee. Die zwischenzeitlich aufblitzende Genialität wird immer wieder durch nervende, frustrierende und teilweise auch arg gestreckte Passagen überschattet. Die deutlich bessere Technik ist nur selten wirklich zu bestaunen. Und das wohl größte Manko, Outlast 2 ist nicht gruslig. Ein Horror-Spiel ohne wahre Angst? Das geht nicht!

Pro:

Kontra:

+ interessante Story über Gehirnmanipulation
- … die aber unglücklich und verdammt umständlich versteckt ist

- Story wirr und unnachvollziehbar erzählt

- Antagonisten oberflächlich charakterisiert

- unbefriedigendes Ende
+ Flashbacks als erzählerisches Highlight
- … besseres Setting als eigentliche Hauptstory

- Horror greift nicht

- zu viele, frustrierende Trial and Error Passagen

- schwache Rätsel

- dämliche Gegner-KI
+ tolle Technik
- ... die man aufgrund der Dunkelheit nicht sieht
+ großartiger Sound



Wertung: 5 / 10

Beliebte Posts aus diesem Blog

Deadpool: der etwas andere Superhelden-Film

„Echtes“ Android auf dem Amazon Fire HD8 (ohne Root)

Horror Games: Was mir das Fürchten lehrt?