Kindle Scribe (2024) – Fokus statt Funktionsvielfalt


Lang bin ich um ein eInk-Tablet herumgeschlichen. Schon seit vielen Jahren begleitet mich ein iPad Pro mit Pencil ins Büro. Trotz vieler Versuche, auch mit matten Display-Schutzfolien, konnte ich mich nie so recht mit dem Schreibgefühl anfreunden. Die vielen, vielen Testberichte und Videos, die ich zu den verschiedenen eInk-Geräten (z.B.: Remarkable oder Boox) gesehen habe, sprachen immer von „papierähnlichen“ Schreibgefühl. Und doch waren mir diese Gerätekategorie immer zu teuer. Während der letzten Black Week bin ich dann doch schwach geworden und habe mir ein Kindle Scribe (2024) gegönnt. Und was soll ich sagen? Ich bin trotz gewisser Einschränkungen (oder gerade deswegen) überzeugt.

Schöner und schlanker Handschmeichler

Schon mein erster Eindruck beim Auspacken des Scribe konnte überzeugen. Amazon liefert ein in meinen Augen super schickes und angenehm schlankes Gerät. Auch wenn ich es für den Transport in der Schutzhülle habe (zu dieser später mehr), nehme ich den Scribe einfach gerne in die Hand. Er fühlt sich einfach so gut und verdammt hochwertig an.


Im Grunde ist das 2024er Modell auch nur ein kleines Redesign der ersten Generation. Der Wechsel von der schwarzen zur weißen Front ist für mich aber ein riesiger Unterschied. Der Scribe sieht dadurch sehr viel moderner, leichter und schöner aus. Mir gefällt das Design so richtig gut.

Knackscharf und gut für die Augen

Genauso positiv geht es weiter, wenn man das Display einschaltet. eInk ist ja schon lange keine neue Technologie und trotzdem bin ich immer wieder beeindruckt, wie sauber und klar diese Displays aussehen. Zwar kann der Scribe nur Graustufen darstellen, für meine Zwecke reicht das aber völlig aus. Wichtiger waren für mich eine knackscharfe Darstellung, gute Kontrastwerte und eine Hintergrundbeleuchtung für schlechte Lichtverhältnisse. All das bietet der Scribe.

Das Display bietet mit 300 ppi auf einer Displaygröße von 10,3 Zoll ein sehr scharfes und kontrastreiches Bild, das man bei allen Lichtverhältnissen richtig gut und angenehm lesen kann.

Die Beleuchtung, die sich in Helligkeit und Wärme anpassen lässt (auch automatisch), ist gleichmäßig und auch im Dunkeln sehr angenehm. In manchen Tests wurde von Bleeding berichtet. Das kann ich nicht bestätigen.

auffälliger Display-Schatten (Abstand zum Glas)

Beim Display habe ich nur eine einzige Sache zu bemängeln. Durch die die Beleuchtung und den Digitizer für den Stift entsteht ein deutlicher Abstand zwischen Display und Glas. Diesen „Displayschatten“ sieht man recht deutlich. Beim Lesen stört es nicht, beim Schreiben mit dem Stylus ist es aber spürbar, dass zwischen „Tinte“ und Stiftspitze ein Versatz vorhanden ist.

Beenden wir den Display-Part auf einer positiven Note. Wer eInk-Displays kennt, dem sollten Effekte wie Ghosting oder langsame Reaktionszeiten bekannt sein. Hier kann Entwarnung geben. Ghosting ist mir nie negativ aufgefallen und das Display reagiert angenehm schnell. Vor allem beim Schreiben ist erstaunlicherweise kaum eine Latenz zu spüren.

Schreiben „fast“ wie auf Papier

Und da ich den Stylus schon erwähnt habe, machen wir gleich mit dem Schreibgefühl weiter. Genau dafür habe ich mir den Scribe ja gekauft. Wie schlägt er sich da?

Zunächst möchte ich lobend erwähnen, das Amazon gleich den Premium Pen mit beilegt. Bei der Konkurrenz von Remarkable muss ein Stift zum Beispiel noch extra dazu gekauft werden. Und dieser Premium Pen ist dabei nicht einmal schlecht. Nein, er ist sogar richtig gut. Dank der Wacom-Technologie muss er NIE geladen werden, liegt angenehm in der Hand und bietet dank Radierer und Seitentaste wirklich nützlich Zusatzfunktionen.


Bringt man den Pen dann auf den Scribe zeigt sich die volle Stärke dieser Produktkategorie. Das Display ist angeraut und damit flutscht der Stift nicht einfach über Glas, sondern man spürt eine gewisse Reibung beim Schreiben. Das macht für mich das Schreibgefühl so viel besser als auf dem iPad (selbst mit Paperlike-Folie). Auch in Verbindung mit eInk sieht es fast schon verblüffend echt nach Tinte auf Papier auf. Auch wenn ich ganz ehrlich sagen muss, wie Papier fühlt sich das noch nicht an, aber es kommt nahe genug heran. Bisher bietet der Scribe das beste digitale Schreibgefühl, dass ich bisher erleben durfte. Und der Radierer fühlt sich tatsächlich verblüffend „echt“ an.

Gerade genug Funktion

Viele Testberichte schreiben auch, dass der Scribe als Notizbuch nicht überzeugen kann, weil bestimmte Funktionen wie das Verlinken von Notizen fehlt oder externe Dienste nicht synchronisiert werden können. Ich kann diese Kritikpunkte zwar teilen, lege persönlich darauf aber nicht so viel Wert. Zeichentools wie automatische Formen oder Layers brauche ich nicht unbedingt. Das sind für mich Nice-to-Haves, aber keine Dealbreaker.

Amazon bietet auf dem Scribe mehr als ausreichend Templates (kariert, liniert, Storyboards, usw.) und per PDF können weitere Vorlagen geladen werden. Die angebotenen Stiftarten mit verschiedenen Strichstärken hinterlassen bei mir keine Wünsche. Notizbücher lassen sich intuitiv in Ordnern organisieren. Und das Teilen der Notizbücher via Email oder Kindle App ist zwar etwas umständlich, aber problemlos möglich.

Notizen in der Kindle App auf dem iPhone

Ich nutze den Scribe auch regelmäßig zum Markieren in PDF-Dokumenten. PDFs müssen erst via „Send to Kindle“ im Web oder via App an den Scribe gesendet werden. Dieser Extra-Schritt kann nerven, aber danach ist das PDF-Handling einwandfrei. Pinch-to-Zoom, Scrollen und Markieren funktioniert genauso wie man es erwartet. Ja, es geht nicht so flott wie auf dem iPad Pro, aber für meine Zwecke schnell genug. PDFs lassen sich auch mitsamt Markierungen wieder teilen.

So richtig vermisse ich nur das Verlinken innerhalb und zwischen Notizbüchern.

Klassische Kindle Stärken und Schwächen

Was sonst noch für den Kindle Scribe spricht? Es ist ein Kindle.

Damit meine ich, zum Lesen ist der Kindle genauso gut geeignet wie seine kleineren Verwandten. Man bekommt sofort Zugriff auf seine gesamte Kindle-Bibliothek, Prime Reading oder Kindle Unlimited Dienste oder auch dem prall gefüllten Store. Lest ihr auf mehreren Geräten (auch der Kindle-App), wird der Lesefortschritt sofort synchronisiert. Der Scribe fügt sich so naht- und reibungslos in ein bestehendes Ökosystem ein.


Mir persönlich ist der Scribe zum Lesen ein wenig zu groß und zu schwer (vor allem mit Hülle). Da nehme ich abends im Bett lieber meinen Oasis. ABER, ich kann den Scribe auch auf Arbeit in der Pause wunderbar für einige Minuten Lesen verwenden und dann zu Hause bequemer mit dem Oasis weiterlesen und muss nicht mehrere Geräte mitnehmen. Das große Display mag auch für Manga-Fans, Magazine oder bei Sehschwäche interessant scheinen, aber diese Punkte habe ich persönlich nicht getestet.

Der Kindle-Aspekt kann dem Scribe aber auch als Kritikpunkt angerechnet werden. Gerade auf der Startseite wird das deutlich. Denn hier bietet euch Amazon genau eine einzige Zeile mit eigenen Inhalten. Alles weitere auf dem Startbildschirm ist Werbung, bzw. Store-Inhalte. Vor allem bei einem Gerät, dessen Fokus auf produktiven Aufgaben liegt, wirkt das normale Kindle Interface fehl am Platz.

starker Fokus auf Shop-Inhalte auf der Startseite

Das scheint auch Amazon erkannt zu haben, denn beim neuen Scribe gibt es da Anpassungen. Die kann ich hier aber nicht bewerten.

Und sonst so?

Das wäre hier kein Kindle oder eInk-Test ohne die fantastische Akkulaufzeit hervorzuheben. Ich habe in den zwei Monaten mit meinen Scribe das Gerät genau ein einziges Mal aufgeladen. Und dabei benutze ich den Scribe beinahe täglich um Notizen zu schreiben, PDFs zu markieren oder ein paar Seiten zu lesen. eInk-Tablets sind gerade durch den reduzierten Funktionsumfang und der energiesparenden Displaytechnologie echt Dauerläufer.

Amazon Hülle steht an den Seiten weiter über

Ich habe mir zu meinem Kindle Scribe auch die offizielle Hülle von Amazon gekauft. Wichtig zu wissen, es passen auch die Hüllen der ersten Generation und die sind günstiger zu haben. An sich gefällt mir die Hülle sehr gut. Sie ist hochwertig, sieht gut aus, schützt das Gerät und bietet mit der Schlaufe eine sichere Halterung für den Pen. Der hält zwar auch magnetisch am Scribe, aber für den Transport in der Tasche war mir das zu unsicher. Bedenkt dabei aber, der Scribe wird mit der Hülle recht schwer und für meinen Geschmack steht die Hülle auch an den Seiten etwas zu sehr über. Zum Lesen lege ich die Hülle deswegen lieber ab. Den Preis (ca. 50€) finde ich auch recht happig.

Fazit

Ich habe den Kauf des Kindle Scribe (2024) trotz iPad Pro nie bereut. Mein iPad begleitet mich seitdem nicht mehr mit ins Büro. Hier hat das Scribe das potentere Gerät durch den klaren Fokus, das viel bessere Schreibgefühl und die unschlagbare Akkulaufzeit ersetzt. Diese eInk-Tablets sind ganz klare Spezialisten. Geräte, die für eine ganz klare Zielgruppe konzipiert wurden und ganz offensichtlich gehöre ich da wohl dazu.

Der Kindle Scribe ist wirklich nicht für jeden geeignet. Sucht ihr einen eReader? Das macht der Paperwhite besser! Sucht ihr das bestmögliche digitale Notizbuch? Vielleicht sogar mit Farbdisplay? Schaut euch lieber das Remarkable Paper Pro oder Geräte von Boox an. Seid ihr aber auf der Suche nach einem sehr guten digitalen Notizbuch, mit dem ihr auch sehr gut Lesen könnt und das dabei nicht das Budget sprengt? Dann ist der Scribe genau richtig für euch! 

Vor allem wenn Amazon die Dinger mal wieder in den Angebotsphasen zu sehr guten Preisen „raushaut“. Ich habe für meine 16GB-Variante (die vollkommen ausreicht) ca. 300€ bezahlt. Das finde ich fair. Bei der UVP von ca. 420€ oder sogar 650€ für den neuen Scribe Colorsoft wird es schon schwieriger. Deswegen mein Tipp: Wartet auf ein Angebot!

Der Kindle Scribe ist kein Gerät, das man sich schönredet. Man muss ihn wollen. Tut man das, bekommt man ein fokussiertes, langlebiges und überraschend überzeugendes Arbeitsgerät.

Aktuelle Angebote und Preise vom Kindle Scribe findet ihr hier bei Amazon!

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